Open Innovation definieren. Eine Annäherung

Open Innovation erscheint seit geraumer Zeit auf dem Radar der Politik. Seit Juli 2015 erarbeiten das BMVIT und das BMWFW eine Strategie für Open Innovation, die bis Sommer 2016 dem österreichischen Parlament vorgelegt werden soll. Bislang wurden Ideen gesammelt, und am 18. Jänner 2016 fand in der Wirtschaftskammer Österreich ein Stakeholder-Workshop zum Thema statt. (Wir harren der Dokumentation des Workshops.) Im Jänner und Februar finden zwei Onlinekonsultationen statt; den Beginn macht eine Konsultation zur Definition von Open Innovation.

Hier unsere Kommentare vom 29. Jänner 2016 zur vorgeschlagenen Definition von Open Innovation:

1. Teil der Definition: Open Innovation ist die gezielte und systematische Überschreitung der Grenzen von Organisationen, Branchen und Disziplinen, um neues Wissen zu generieren und neue Produkte, Services oder Prozesse zu entwickeln. Dabei werden häufig Online-Werkzeuge und -Plattformen genutzt, auf denen sich Wissensgeber/innen verknüpfen und zusammenarbeiten können.

Unser Kommentar: Den Begriff Open Innovation klar zu definieren, gelang selbst seinem Erfinder, Henry Chesbrough, nicht zufrieden stellend; der Begriff ist nach wie vor recht unscharf, sonst würde die Konsultation nicht damit beginnen, interessierte Communities zu ersuchen, dazu beizutragen, ihn zu spezifizieren. Die Frage ist, welche Innovationsprozesse von wem als beispielhaft für Open Innovation angesehen werden. Auf Basis dieses Wissens könnte versucht werden, zu einer Arbeitsdefinition von Open Innovation zu gelangen, die im Laufe der Zeit nach und nach adaptiert werden könnte. Unseres Erachtens zeigt sich die dem Begriff inhärente Öffnung von Innovationsprozessen etwa darin, dass Unternehmen mit anderen Unternehmen Ressourcen poolen, um höhere Investitionskosten und Risiken, Flops zu landen, zu teilen bzw. um einander in ihren Expertisen und Kompetenzen zu ergänzen. Sie zeigt sich auch darin, dass, im Sinne von Eric von Hippels Lead-User-Konzept, Verbraucher/-innen in Prozesse zur Entwicklung von Dienstleistungen und Produkten eingebunden werden. So gesehen, spiegelt der Begriff Open Innovation Veränderungen in Innovations- und Geschäftsmodellen wider, die bereits seit Jahrzehnten stattfinden und ist der Versuch, diese Veränderungen auf den Begriff zu bringen. Wir würden nicht von gezielter und systematischer Überschreitung von Grenzen reden, weil unklar ist, was damit gemeint ist. Organisationen haben Leitbilder und Ziele, die sie fokussieren und ihnen Grenzen stecken. Soll Grenzüberschreitung dazu führen, dass Ziele und Leitbilder geändert werden? Auch ist der Fokus auf Organisationen zu stark. Derzeit erleben wir das Aufkommen von DIY-Initiativen wie DIY-Biologie und hacker spaces. Risikokapitalgeber/-innen investieren bereits in Kleinstunternehmen im Bereich 3D-Drucken, die sich in solchen maker spaces miteinander vernetzen, um z. B. Technologien weiterzuentwickeln. Derzeit erleben wir die Entstehung von Netzwerken aus Kleinstunternehmen, Enthusiastinnen und Enthusiasten, Risikokapitalfonds und größeren Unternehmen, die teils lokal, teils über die globalen Datennetze permanent oder temporär miteinander kooperieren. Jede Definition von Open Innovation sollte diese Dynamik berücksichtigen.

2. Teil der Definition: Vor allem Anwender/innen kommt dabei eine wachsende Bedeutung zu: User, User Crowds und User Communities können Bedürfnisse, Problemstellungen und Lösungen in die Innovationsprozesse von Unternehmen, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung einbringen und erhöhen somit die Erfolgsrate von Innovationen. Wissen kann so in eine Organisation dringen, gleichzeitig kann die Gesellschaft Innovationsprozesse aktiv mitgestalten.

Unser Kommentar: Dieser Punkt ist zu stark an design thinking orientiert. Damit werden die entstehenden Dynamiken in Innovationsökonomien unzureichend abgebildet. In den maker spaces lädt nicht eine Organisation Verbraucher/-innen ein, sich an Entwicklungsprozessen zu beteiligen; dort entstehen neue temporäre und einigermaßen stabile Organisationen durch Kooperationen.
Die Vorstellung von Wissen, die in 002 nahegelegt wird, ist die einer Substanz, die in etwas einzudringen vermag. Liegt hier vielleicht die Verwechslung von Information mit Wissen bzw. die Idee des Transfers von Wissens zugrunde?
Zivilgesellschaftliche Organisationen werden nicht erwähnt. Warum nicht?
Open Innovation kann auch bedeuten, Aufgaben auszulagern, um Kosten zu sparen. Wenn Verbraucher/-innen einbezogen werden, stellen sich doch einige kritische Fragen: Wie kann unterbunden werden, dass Verbraucher/-innen z. B. durch die Auslagerung statusniedriger Aufgaben ausgenützt werden? Wie steht es um die Teilung von Verantwortlichkeiten? Wie kann dafür gesorgt werden, dass nicht nur die usual suspects einbezogen werden? Wie können solche Einbeziehungsprozesse möglichst transparent und fair gestaltet werden? Unseres Wissens werden diese Fragen noch nicht systematisch angegangen; wir vermuten, es fehlt an Standards. (In der Citizen Science stellen sich ähnliche Fragen.) Vielleicht lassen sich diese kritischen Aspekte in der Definition noch berücksichtigen.

3. Teil der Definition: Für das Innovationssystem bedeutet Open Innovation somit, dass Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Unternehmen und Verwaltung (Quadruple Helix-Modell) in dynamischen, vielfältigen Innovations-Ökosystemen online wie offline zusammenarbeiten. Vor allem durch die Diversität der Akteur/innen steigt die Chance, wirklich neuartiges Wissen und mehr radikale Innovation zu schaffen. Voraussetzung dafür ist eine Open Innovation-Kultur, die auch das sinnvolle und selektive Teilen von Forschungsergebnissen und Daten unterstützt. Durch Open Innovation werden somit Barrieren in Forschung, Entwicklung und Innovation abgebaut und eine Innovationsdynamik erzeugt, die mit traditionellen Methoden nicht zu erreichen ist.

Unser Kommentar: Abgesehen davon, dass die Helix-Metapher irreführend ist (obwohl derjenige, der sie aufgebracht hat, ein ausgebildeter Biochemiker ist), würden wir auch deshalb vermeiden, von quadruple helix zu sprechen, weil die Stränge der Helix nicht klar definiert sind. Auch weil in Innovationsprozesse mittlerweile eine größere Diversität von Akteurinnen und Akteure eingebunden sein kann, verschwimmen die Grenzen zwischen Bereichen (bisweilen?); die Definition reflektiert diese Entwicklung nicht. Insbesondere Zivilgesellschäft lässt sich recht unterschiedlich definieren. Und mit dem Hinweis, die Zivilgesellschaft einzubinden, wird auch einiges Schindluder getrieben.
Dieser Punkt wirft interessante Fragen auf: Was ist sinnvolles Teilen von Forschungsergebnissen, Daten etc.? Was wird tatsächlich geteilt? Führen Entwicklungsmodelle mit einem sehr großzügigen Teilen von Knowhow etc. zu besseren Ergebnissen? Wenn ja, in welchen Bereichen und wer profitiert?

Die Kommentare aller Teilnehmer/-innen an der Konsultation finden sich hier.

Aufruf zur Einreichung von Konferenzbeiträgen

Der Wissenschaftsladen Wien veranstaltet gemeinsam mit den Wissenschaftsläden Vechta/Cloppenburg der Universität Vechta, kubus Berlin, Potsdam und Bonn, basis.wissenschaft.schafft, WTT (Zittau und Dresden) sowie den Transferstellen der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer die Konferenz Exzellenz für Alle!? Bürgerwissenschaft, Hochschulen und Wissenschaftsläden. Ein Blick nach vorne (6. – 7. November 2015, Jade Hochschule Oldenburg).

Die Konferenz wird Bürger/innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Hochschullehre, Wissenschaftsläden und Forschungspolitik zusammen bringen, um unter anderem folgende Fragen zu diskutieren:

  • Können Herausforderungen wie Ressourcenverknappung, Urbanisierung, klimatischem und demografischem Wandel durch die stärkere Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Akteur/innen an wissenschaftlichen Prozessen oder in der Forschungspolitik begegnet werden?
  • Wie öffnen sich Hochschulen für Fragestellungen aus der Gesellschaft und deren Beteiligung am gesamten Forschungsprozess?
  • Wie lassen sich Transparenz, Chancengleichheit und Demokratie bei der Partizipation von BürgerInnen und NGOs in der Forschungspolitik umsetzen?
  • Wie können Bottom-up Initiativen – von FabLabs bis Gemeinschaftsgärten – besser Gehör finden?

Themenblöcke:
Thema 1: Bürgerbeteiligung in Forschung und Innovation: Methodische Fragestellungen
Thema 2: Partizipation in der Forschungspolitik: Gleiche Chancen und Transparenz
Thema 3: Selber machen und gemeinschaftlich gestalten
Thema 4: Was ist soziale und ökologische Exzellenz für Alle?

Nähere Informationen über die Themenblöcke finden sich unter http://www.wissnet.de/konferenz/.

Themenblock 2 wird von Michael Strähle und Christine Urban vom Wissenschaftsladen Wien koordiniert.

Zum Einreichen von Beiträgen nutzen Sie bitte das Konferenzportal, melden Sie sich als Autor/in an und laden Sie Ihren Beitrag hoch.

Die Konferenz setzt vor allem auf lebendige Diskussionen. Klassische Vorträge und Präsentationen bleiben auf Impulsreferate in den jeweiligen Themenblöcken beschränkt.. Bitte ordnen Sie Ihren Beitrag einem der vier Themenblöcke zu und schlagen Sie ein geeignetes Beitragsformat vor. Eine Auswahl an Formaten finden Sie unter www.wissnet.de/formate. Diese Liste besteht aus Vorschlägen; es steht Ihnen frei, ein anderes Format vorzuschlagen. Wir freuen uns auch über gemeinsame Beiträge und Fragestellungen von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Sämtliche Beiträge werden begutachtet. Die ausgewählten Beiträge werden von den Gutachter/innen zu Sessions zusammengestellt.

Maximale Länge pro Vorschlag: 350 Wörter, Format: *.pdf, *.docx oder *.odt.
Einreichfrist: 15. Juli 2015
Rückmeldung über die Annahme von Beiträgen: 05. August 2015
Frist für etwaige Überarbeitung der Einreichungen: 15. August 2015

Für Fragen rund um die Konferenz wenden Sie sich bitte an Sandra Werb: sandra.werb@uni-vechta.de.

Forschungsförderung neu gestalten

Für gewöhnlich werden Forschungsförderungsprogramme ohne eine breitere Einbindung der Gesellschaft erstellt. Das EU-Projekt Towards inclusive research programming for sustainable food innovations (Auf dem Weg zu inklusiver Forschungsförderung für nachhaltige Lebensmittelinnovationen, INPROFOOD) ging neue Wege und strebte eine breitere Einbindung von Interessensgruppen in die Gestaltung von Forschungsförderung an. Der thematische Schwerpunkt lag auf dem Themenfeld Ernährung und Gesundheit, unter Berücksichtigung sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Anhand von Fallstudien wurde untersucht, ob und wie in den letzten Jahren in einigen europäischen Ländern Interessensgruppen in die Erstellung von Förderprogrammen der Lebensmittelforschung eingebunden waren. In Szenarioworkshops berieten Vertreter/-innen von Organisationen aus verschiedenen Bereichen, wie die Forschungsförderung in diesem Bereich in Zukunft aussehen sollte – und zwar über den gesamten Förderzyklus hinweg: von der Setzung der Prioritäten über die Förderentscheidungen und die Durchführung der Projekte bis zu den Verbreitungsaktivitäten und der Evaluierung der Förderprogramme. In einer eintägigen Open-Space-Konferenz in Brüssel wurde über Forschungsprioritäten debattiert; Jugendliche diskutierten in PlayDecide-Games über gesunde Ernährung. Die Ergebnisse dieser Aktivitäten flossen in einen Aktionsplan zur Gestaltung von Forschungsförderung im Bereich Ernährung und Gesundheit ein, der unter Federführung des Regionalbüros Europa der Weltgesundheitsorganisation erstellt wurde.

Der Wissenschaftsladen Wien koordinierte das umfangreichste Projektmodul, die 35 Szenarioworkshops in 13 Ländern. Politische Entscheidungsträger/-innen, Vertreter/-innen aus Forschung, Zivilgesellschaft und Gewerbe, allesamt von Organisationen entsandte Delegierte, berieten, wie faire und transparente Strukturen zur Förderung sozial- und umweltverträglicher Innovationen aussehen sollten. Dabei wurden besondere Maßnahmen angewandt, die dazu dienen könnten, die Legitimität von Partizipation im Bereich Forschungsgestaltung zu erhöhen (Auswahl der Teilnehmenden, öffentliche Aufrufe zur Teilnahme, authentische Dokumentation, etc.).

Die Ergebnisse der Szenarioworkshops und die gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse bei deren Durchführung lassen sich zum Großteil auch auf andere Themenfelder der Forschungsförderung übertragen, schließlich ging es auch darum, die Legitimationsbasis der Einbeziehung von Interessensgruppen generell zu verbessern.

Das dreijährige Projekt wurde 2014 abgeschlossen und von der Europäischen Kommission im Siebenten Rahmenprogramm im Arbeitsprogramm Wissenschaft in der Gesellschaft gefördert (Vertragsnummer 289045).

Hier finden Sie die Berichte über die Workshops in Österreich in deutscher und englischer Version, sämtliche Informationen über die Auswahl der Teilnehmer/-innen an den österreichischen Workshops, die Analyseberichte über sämtliche 35 Workshops und weitere Informationen. Sämtliche Workshopberichte und weitere Dokumentation stehen hier zum Download bereit.